Tour de Suisse
bis es den Kuchen sprengt - 20 Marzipan-Rüebli für 20 tausend Kilometer
19. April 2009 Unter dem einen Arm die riesige Kartonbox, die andere Hand am Lenker, kämpfen wir uns gegen den Wind zum Christchurch Airport. Gerade noch vor den ersten Regentropfen erreichen wir das schützende Dach. Hier verpacken wir unsere Velos, wägen sie zusammen mit dem übrigen Gepäck und schauen, dass wir beim Einchecken einige Kilos zuviel reinschmuggeln können. Das viel zu schwere Handgepäck hieven wir mit einem lockeren Schmunzeln durch die Kontrollen. Schliesslich heulen die beiden gewaltigen Triebwerke und bringen unsere Boeing - gänzlich unbeirrt von Wind und Regen - in den Steigflug durch die dichte Wolkendecke. Nicht mal die hohen Bergspitzen der Südlichen Alpen dringen durch den weissen Teppich. Zu gerne hätten wir doch die Insel noch von oben gesehen!
Die nächsten 34 Stunden verbringen wir eingesperrt in Aluminiumröhren und Zollfreizonen. Abhängig von Technik und fremden Menschen. Jetzt sind es nicht wir selber die entscheiden. Kaum Bewegungsfreiheit, klimatisierte Luft, kein Bezug zur Aussenwelt. Und nach jeder Mahlzeit einen Abfallberg auf dem Tablett. Zeit zum Nachdenken. Verrückt ist nicht, mit dem Velo um die Welt zu fahren. Verrückt ist, in nur wenigen Stunden um den halben Erdball zu fliegen.
Mit Ausnahme von einigen Wolkenlöchern über der Türkei, haben wir kaum was von der Erde gesehen. Während dem Landeanflug auf Zürich zeigt sich aber spektakulär der ganze Alpenbogen. Ähnlich dem Himalaya türmen sich die Viertausender hinter dem Mittelland auf. Im Vordergrund die Lägern, gleich dahinter unser Ziel, der Chestenberg. Ist es die unglaublich gute Fensicht, welche die Distanzen verkürzt, oder ist die Schweiz tatsächlich so klein?
Unerwartet fit nehmen wir unser Gepäck entgegen, bauen unsere Velos zusammen und kaufen in der Migros unser Znacht ein. Eigentlich wollten wir von irgendwo in Südeuropa nach Hause fahren. Aber die Kombination aus Ticketpreis, der zu Verfügung stehenden Zeit und den noch immer eingeschneiten Alpenpässe liess uns direkt in die Schweiz fliegen. Dennoch möchten wir als Akklimatisation eine kleine Tour de Suisse unternehmen. Es hätte um diese Jahreszeit noch schneien können. Nun aber präsentiert sich unser Land bei herrlichstem Frühlingswetter.
Für die erste Nacht finden wir ein Plätzchen in einem kleinen Waldstück. Geweckt werden wir am frühen Morgen von einem Strassenreinigungsfahrzeug. Willkommen in der Schweiz! Nachdem wir uns durch den Zürcher Agglobrei gewühlt haben, sehen wir das Schild "Luzern 47 km" - da sind wir ja zum Zmittag dort! Und tatsächlich, auf den herrvorragenden Velowege von Schweizmobil kommen wir zügig und ohne Landeskarte in die Innerschweiz. Hier gibt's Rivella und Cervelat mit Tomy-Senf. Eine schöne Strecke bringt uns weiter durch die Villenquartiere entlang dem Vierwaldstättersee und durch Mini-Naturschutzgebiete zum Sarnersee.
Eben waren wir noch im Herbst, und jetzt schon mitten im Frühling! Wunderbar blühen die Kirsch- und Apfelbäume, die Vögel zwitschern, die Hündeler hündelen, Jogger joggen, Biker biken und vor der Migros wird geknutscht. Regelrechte Ferienstimmung herrscht hierzulande. Alles ist schön herausgeputzt, rücksichtsvoller Verkehr. Aber die Schweiz ist auch extrem dicht bebaut und zersiedelt. Keine Strecke länger als ein paar Kilometer ohne Dorf. Baustellen auf grüner Wiese im Wettlauf um reiche Steuerzahler. Jede Sekunde wird ein Quadradatmeter Land unwiederbringlich verbaut! Die Schweiz erscheint uns manchmal auch bünzlig und kurzsichtig. Und doch bietet sie auf engem Raum atemberaubende Panoramen und vielfältige Landschaften. Aber wie ist das mit dem Militärfluglärm im Haslital? Als geldbringender Tourist muss man sich hier wie in einem Kriegsgebiet vorkommen!
Unsere Tour bringt uns über den Brünig ins Haslital, weiter entlang den Seen bis nach Thun und schliesslich durch Emmental und Oberaargau ins Seetal. Wir kommen unglaublich schnell vorwärts, so klein ist die Schweiz, so dass wir am Hallwilersee noch einige Stunden abwarten müssen, ehe wir uns zum vereinbarten Treffpunkt beim Schloss Hallwyl begeben. Hier werden wir von unseren Familien und Freunden herzlich empfangen und auf den letzten Kilometern bis nach Möriken begleitet.
Herzlichen Dank an alle für den schönen Empfang!
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